Unsere Bildungskrise ist eine Vertrauenskrise
Der neuste Bildungsbericht stellt das heraus, was Pädagogen schon seit Jahren sagen: Das Fundament der Bildung wird in den ersten Jahren im Elternhaus gelegt. Viel zu lange schon hat man von den Schulen erwartet, dass sie als Reparaturbetrieb das ausgleichen sollen, was zuvor nicht stattgefunden hat. Natürlich muss so ein Vorhaben scheitern. Aber was ist die Antwort der Politik in Deutschland darauf? Mehr Staat, mehr Zentralisierung, mehr Vorgaben, aber bloß keine Verantwortung!
Und warum scheitert frühkindliche Bildung so oft? Wenn man Bildung und Betreuung verwechselt oder einfach hofft, dass das eine schon irgendwie mit dem anderen kommen wird, dann kann man nur scheitern. Statt auf Qualität im frühen Kindesalter setzt die Politik oft auf Massenbetrieb, damit die rechtlichen Ansprüche, die sie ambitioniert, teils überambitioniert, geschaffen hat, erfüllt werden. Die Pädagogen der Kindergärten könnten oft hervorragende Bildungsarbeit leisten, wenn man sie nicht mit Verwaltungsirrsinn und zu vielen Kindern pro Betreuungsperson überfordern würde. Aber politisch sind alternative Konzepte wie Betriebskindergärten oder die private Kindertagespflege leider nur Randerscheinungen, die oft nur als Notnagel Lücken füllen sollen, aber ansonsten in politischen Konzepten nicht vorkommen. Die Politik sieht sich im Bildungsbereich ganz oft als Servicedienstleister; man macht Versprechungen mit der Gießkanne und heraus kommen teure Lösungen, die leider oft nicht den Qualitätsanspruch der Menschen erfüllen: Gute Abschüsse für alle, Betreuung rund um die Uhr, absolute Entlastung zuhause und natürlich bekommt jeder, was er möchte. Das sind aber Luftschlösser, die in der Realität nicht zu halten sind. Abschlüsse für alle bekommt man durch die Entwertung der Abschlüsse. Umfassende Betreuung würde Geldmittel verschlingen, die nicht da sind. Die Aufhebung aller Verantwortung von Eltern und Kindern entmündigt die Bürger. Und wenn man versucht, es jedem recht zu machen, erntet man in der Regel den Unmut aller Beteiligten.
Aber eigentlich ist das alles vor allem ein Ausdruck der Politik, dass sie ihren Bürgern nichts mehr zutraut. Deshalb reißt sie Themen an sich und verhebt sich dabei immer häufiger.
Vertrauen wir den Eltern!
Das Grundgesetz sagt es uns ganz deutlich: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. […]“ (Art. 6 (2) GG) Aber wenn man sich die Reden deutscher Politiker anhört, klingt es oft so, als wenn die Erziehung der Kinder eine Tätigkeit sei, die man an den Staat auslagern könnte oder sogar sollte. Ja, die Zeiten haben sich geändert. Doppelverdienerhaushalte und Alleinerziehende sind heute keine Ausnahmen und die persönliche Belastung wiegt für alle schwer. Es ist aber ein gefährliches Ammenmärchen, dass die finanziellen Mittel der Familie über den Bildungserfolg entscheiden. In welchem Alter man Kindern ein Smartphone in die Hand drückt, ob man sich am Abend Zeit nimmt, eine Gutenachtgeschichte zu erzählen oder vorzulesen oder wie man sich als Vorbild zuhause selbst verhält, hat absolut nichts mit den Vermögen der Eltern zu tun, sondern damit, wie man sich entscheidet, als Elternteil Verantwortung zu übernehmen. Sich mit seinem Kind zu unterhalten, zu schauen, ob die Hausaufgaben gemacht werden, oder einfach gemeinsam Zeit zu verbringen, kostet keinen einzigen Cent, aber hat enorme Auswirkungen darauf, wie sich ein Kind entwickelt und wie sehr es Bildung als solche zu schätzen weiß.
Aber kann man Bildungserfolg nicht durch teure Nachhilfe und Zusatzkurse erreichen? Erreicht man diesen nicht durch intensive Betätigung im Sportverein und der Musikschule? Nein, so einfach ist das nicht! Bildungserfolg ist eine Frage der Haltung, eine Form der Charakterentwicklung. Neugier, Fleiß, Disziplin und die Bereitschaft, sich zu verbessern, sind der eigentliche Bildungserfolg, der dann letztlich Abschlüsse, Noten und Punktwertungen als Begleiterscheinung hervorbringt. All das kann der Staat nicht von außen erzwingen. Es braucht verantwortungsvolle Eltern, die diese Werte vorleben. Vertrauen wir Eltern! Stärken wir Eltern! Als Staat sollten wir Beratung und Hilfsangebote zur Verfügung stellen, wenn diese gebraucht werden. Der Staat ist aber nicht der bessere Elternteil.
Vertrauen wir den Kinder!
Nichts macht Kinder so stark, wie die eigenen Erfolge. Kinder brauchen die Herausforderungen, an denen sie wachsen können. Dazu zählt natürlich auch das Scheitern: Wer stürzt, muss auch lernen, wieder aufzustehen. Ein Fehler oder ein Misserfolg sind kein Untergang, sondern der Beginn eines Neuanfangs. Kinder müssen sich ausprobieren, müssen scheitern, müssen Erfolg haben und dann lernen, mit diesen Gefühlen im Guten und Schlechten umzugehen. Das heißt nicht, dass man sie dabei allein lässt. Sie brauchen Vorbilder, Mentoren und Ratgeber, die ihnen zur Seite sehen, aber sie brauchen niemanden, der ihnen alle Unannehmlichkeiten aus dem Weg räumt oder alle Probleme für sie löst. Das ist weder die Aufgabe der Eltern, der Erzieher, der Lehrer oder irgendwelcher Politiker, die in bester Absicht handeln und am Ende doch den Kindern damit schaden.
Kinder brauchen Freiraum, um sich auszuprobieren, keine Bewachung rund um die Uhr. Altersangemessene Freiräume fördern Selbstständigkeit und Verantwortungsgefühl. Das gilt für den Weg in Kindergarten oder Schule genauso wie für die Freizeit am Nachmittag. Wenn wir Kindern zutrauen, auch mal Fehler zu machen und mit diesen umzugehen, entwickeln sie sich zu starken Erwachsenen, die fest im Leben stehen und Verantwortung für sich und andere übernehmen können.
Vertrauen wir den Lehrkräften!
Wofür bilden wir eigentlich jahrelang Fachpersonal aus, wenn am Ende doch Politiker alles besser wissen und sicherheitshalber bis ins letzte Detail regeln wollen, was im Unterricht zu passieren hat? Viel zu oft kommt es vor, dass die Politik im Land die Bildung zur eigenen ideologischen Spielwiese erklärt. Dabei soll sichergestellt werden, dass die Schülerinnen und Schüler auch wirklich „das Richtige“ lernen. Was dabei richtig ist, hängt scheinbar vor allem von Wahlergebnissen und damit verbundenen Mehrheiten in Parlamenten ab.
Unsere Lehrkräfte im Land sind ausgebildete Spezialisten für ihre Fachwissenschaft, Didaktik und Pädagogik. Wie in wohl jedem anderen beruflichen Feld stellt es sich üblicherweise als gute Idee heraus, die Experten ihre Arbeit machen zu lassen – ohne sich dabei ständig einzumischen. Wie schlecht die Politik als Ratgeber für die Wirtschaft ist, erleben wir überall, wo sich Politiker in betriebliche Entscheidungen einmischen. Und genau wie dort sorgen überflüssige Vorgaben und Kontrollbedürfnisse aus der Politik für überbordende Bürokratie und Effizienzverlust im Wirtschafts- wie im Bildungssystem.
Doch nicht nur im Alltagsbetrieb stört die politische Einmischung die erfolgreiche Bildungsvermittlung. In der Hoffnung, Eltern und Kindern einen vermeintlichen Gefallen zu tun, schafft die Politik immer mehr Möglichkeiten, um Konsequenzen auszuschalten. Wie könnte man es auch jemandem zumuten, dass er einen Test nicht besteht, eine Versetzung nicht schafft oder einen Abschluss nicht erreicht? Was sind denn Noten, Versetzungen und Abschlüsse noch wert, wenn sowieso jeder alles bekommt, nur damit er sich bloß nicht unwohl fühlt? Gleichzeitig ist man in der Öffentlichkeit immer wieder schockiert, warum bei immer besseren Noten und immer mehr hohen Abschlüssen die realen Fähigkeiten junger Menschen erkennbar schlechter werden. Vertrauen wir hier doch einmal den Lehrkräften und Schulen, statt uns aus der Politik dort immer wieder einzumischen! Und akzeptieren wir endlich, dass nicht jeder alles können und schaffen muss.
Bildung braucht Zeit und Freiheit
Es ist oft die Ungeduld, die zum Aktionismus treibt. Mit jeder Bildungsstudie bricht in Deutschland die Panik aus, dass man ganz dringend etwas tun müsste. Im Ergebnis haben wir hunderte Reformen und Reförmchen, Aktionstage und Projekte. Wie wäre es denn, wenn wir statt all dem Aktionismus Eltern, Kinder und Lehrkräfte einfach mal machen lassen, was sie können? Keine Einmischung durch die Politik, Freiheit bei Erziehung und Lehre. Eltern wollen, dass ihre Kinder Erfolg haben. Kinder wollen selbst Erfolg haben. Und auch unsere Lehrkräfte haben ihren Beruf in der Regel gewählt, weil ihnen der Erfolg der Kinder am Herzen liegt. Lassen wir die alle doch einfach mal ihre Arbeit tun. Stattdessen könnten wir in der Poliik vielleicht die passenden Rahmenbedingungen schaffen: Schulgebäude sanieren und modernisieren, benötigtes Personal einstellen und für ordentliche Schulwege sorgen.