Landtag gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus

Der Tod hat Macht - aber er triumphiert nicht über die Erinnerung

Rede

des Stv. Ministerpräsidenten

Dr. Volker Wissing

Plenarsitzung aus Anlass des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

Freitag, 27. Januar 2017

 

SPERRVERMERK: Es gilt das gesprochene Wort!

Anrede

Sehr geehrte Frau Rosh,

ich danke Ihnen für Ihre eindrücklichen Worte. Ich kann für uns alle hier im Raum sagen: Sie haben uns tief bewegt.

Einer Ihrer Sätze hat mich besonders ins Mark getroffen:

Er lautet:

„Von einem Beistand der Bevölkerung, von Hilfe für die Bedrängten und Wehrlosen ist nichts bekannt.“

Neben den unmenschlichen Taten, den Verbrechen gegen die Menschheit, ist es das Fehlen jeglicher Herzenswärme und Mitmenschlichkeit der Bürgerinnen und Bürger, die uns sprachlos macht.

Kein Mensch, der dies heute gehört hat, kann mehr fragen

- warum es diesen Gedenktag gibt

- warum es ein Mahnmal im Herzen unserer Hauptstadt gibt.  

Gestatten Sie mir, liebe Frau Rosh, Ihnen einen weiteren Dank auszusprechen: Für Ihre Hartnäckigkeit. Und für Ihr Engagement, mit dem Sie Ihr Thema, Ihr Lebensthema verfolgen.

Dass es das Denkmal für die ermordeten Juden Europas gibt, ist auch Ihrer Hartnäckigkeit und Ihrem Engagement zu verdanken. Sie formulierten damals den Anspruch: Unser Land muss ein „riesiges, unübersehbares Mahnmal” für die ermordeten Jüdinnen und Juden bekommen. Das Stelenfeld mitten im Herzen Berlins ist dieses unübersehbare Mahnmal geworden.

Ich muss gestehen, ich fühle mich diesem Denkmal ganz besonders verbunden, denn ich war 2005 bei der Einweihung dabei und erlebe sehr oft, wie es die Menschen bewegt:

Das Stelenfeld liegt direkt gegenüber der Vertretung unseres Landes Rheinland-Pfalz. Aus den Sitzungsräumen in der Landesvertretung geht unser Blick direkt auf das Mahnmal - umrahmt von Tiergarten, Reichstagskuppel, Amerikanischer Botschaft und dem tosenden Verkehr der geschäftigen Großstadt.

Es ist dieser Blick auf das Denkmal und die Geschichte, auf die es verweist und seine Eingebundenheit in die Umgebung, der uns jedes mal wieder gefangen nimmt.

Wenn ich dort - in der Landesvertretung, im Angesicht des Denkmals - Gäste zu politischen Gesprächen treffe, dann mache ich die immer gleiche, immer berührende Erfahrung:

Da ist ein Innehalten.

Ein Besinnen.

Ein Nachdenken.

Bei allen Gesprächspartnern.

Das zeigt mir, wie wichtig dieses Denkmal für uns heute ist.

Wir erinnern uns noch gut: Der Streit um das Denkmal wurde seinerzeit erbittert geführt. Sie, sehr geehrte Frau Rosh, mussten persönlich darunter leiden und mussten Anfeindungen hinnehmen. Bis heute erstaunt mich die Schärfe, die die Auseinandersetzung über das Mahnmal teilweise hatte. Viele Argumente waren vorgeschoben und erscheinen heute im Rückblick geradezu nichtig und klein. Was damals – und auch leider heute immer wieder – eine Rolle gespielt hat, war das Thema selbst, das manche und mancher  - vielleicht unbewusst - loswerden wollte. Aber das Thema – der Nationalsozialismus und die unzähligen Opfer, die er gekostet hat - dieses Thema dürfen und wollen wir nicht loswerden. Ganz im Gegenteil:

Wir wollen Erinnern,

wir wollen aus der Erinnerung lernen.

Es ist gut, dass es diesen Gedenktag gibt. Wir verbringen ganz bewusst Stunden des Erinnerns miteinander.

Wenn wir uns die Zahl der Opfer vergegenwärtigen, fehlen uns die Worte. Die Zahlen sind abstrakt unfassbar. Wenn wir uns auf das Leid der einzelnen Opfer einlassen, wird das Ausmaß der Schuld noch deutlicher. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns an die Kinder erinnern, die man aus den Armen ihrer Mutter gerissen hat, um ihnen ihr Leben zu nehmen. Und an diejenigen, deren Eltern sinnlos getötet wurden. An die Kranken, die statt gepflegt, heimtückisch   ermordet wurden. Es ist wichtig, dass wir uns an all die Menschen erinnern, denen man ihre Würde genommen, die man ihrer Heimat entrissen und die man voneinander getrennt hat, um sie zu vernichten. In jedem einzelnen von ihnen waren Liebe, Sehnsucht, und Träume. Sie waren wertvoll, jeder auf seine Art. Sie wurden in Gruppen eingeteilt, ausgegrenzt, verachtet und vernichtet.

Daraus folgt für uns die Verantwortung und der Auftrag dafür, dass es in unserem Land nie wieder Normalität sein darf, wenn politisches Reden und Handeln bei den Menschen Gefühle von Ausgrenzung und Hass wecken.

Meine Damen und Herren,

wir gedenken der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit. Auschwitz steht für den millionenfachen Mord an den europäischen Juden, an Sinti und Roma, an Homosexuellen, Oppositionellen und Widerständlern, Kranken und Behinderten, Künstlern und vielen anderen Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Ausschwitz ist das Synonym für die eiskalt geplante und umgesetzte Vernichtung von Menschen, für den industriellen Völkermord.

In diesem Jahr gedenken wir insbesondere der verfolgten Künstlerinnen und Künstler.

Ich danke unserem Präsidenten des Landtags Hendrik Hering für seine einführenden Worte. Ihre Berichte über die Leidenswege von Künstlerinnen und Künstlern  - stellvertretend für viele andere, die verfolgt wurden – zeigen uns:

Wir haben sie verloren.

Aber wir haben sie nicht vergessen.  

Dazu wird es eine Reihe von Veranstaltungen geben. Wir erleben das Erinnern auch heute im musikalischen Rahmenprogramm mit Werken der verfolgten Komponisten Paul Ben-Haim und Viktor Ullmann. Ich danke den Herren des Duos Kuhn ausdrücklich. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, Werke von Künstlerinnen und Künstlern der verschollenen Generation aufzuführen – nicht nur an Gedenktagen wie diesem. Mit jedem Ton, den Sie spielen, gelingt es Ihnen, die Musik dem Vergessen zu entreißen.

Meine Damen und Herren,

- ein Denkmal für Opfer des Holocaust

- die Musik verfolgter Komponisten

- die Ausstellung im Mainzer Abgeordnetenhaus über „Verbrannte Bücher. Von den Nazis verfemte Schriftsteller“, die gestern eröffnet wurde.

Das alles zeigt uns: Der Tod hat nicht das letzte Wort.

Der Tod hat Macht – aber er triumphiert nicht über die Erinnerung.

Und nicht über die Kunst. Auch die Kunst hat Macht. Und deshalb ist die Kunst allen Unterdrückern auf der Welt suspekt. Der Nationalsozialismus und all jene, die Menschen verfolgen und unterdrücken, haben Angst vor der Kraft der Freiheit, die den Künsten innewohnt. Deswegen wurden im Nationalsozialismus und werden noch heute weltweit Künstlerinnen und Künstler verfolgt.

Die Kultur ist ein Gegenentwurf zur Barbarei.

Aber  - wir müssen feststellen, und das mit immer wieder neuem Erschrecken: alle Kultur hat die Barbarei nicht verhindern können.

Meine Damen und Herren,

Sie kennen Adornos These  „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.“

Adorno hat damit ein tiefes Misstrauen gegenüber der Kultur nach der Erfahrung des Holocaust in Worte gekleidet. Und dieses Misstrauen ist verständlich. Und trotzdem möchte ich Adorno ergänzen:

Kunst und Kultur nach der Erfahrung von Auschwitz sind nötig. Vielleicht sogar lebensnotwendig. Wir brauchen die Werke der verfolgten Künstlerinnen und Künstler, denen das Vergessen droht.

Genauso brauchen wir auch die Kunst „nach Ausschwitz“. Sie kann uns helfen, die Ermordeten zu ehren und ihr Andenken wahren. In Gedichten und Kunstwerken. In den Theaterstücken, Filmen, Opern, Skulpturen und Denkmälern wie dem Mahnmal für die ermordeten Juden Europas. In einer Zeit, in der die wenigen Zeitzeugen hoch betagt sind, so dass es ihnen immer schwerer fällt, für uns weiter Zeugnis abzulegen, brauchen wir die Stimmen der Künstlerinnen und Künstler.

Meine Damen und Herren,

der Nationalsozialismus hat millionenfach Leben beendet – und millionenfach Leben zerstört. Auch das Leben vieler Künstlerinnen und Künstler.

Wie viele Kunstwerke blieben ungemalt, ungeschrieben, ungetanzt, wie viele Leben blieben ungelebt?

An einem Tag wie heute spüren wir deutlich: Bei all dem Reichtum, über den wir heute, mehr als 70 Jahre nach Kriegsende verfügen, sind wir doch arm. Weil uns diese Menschen fehlen, ihre Geschichten und auch ihre Werke. Was können wir tun, damit nie wieder eine solche Lücke in die Menschheit gerissen wird?  

Ihre Rede, sehr geehrte Frau Rosh, hat mich an ein Wort von Carl Zuckmayer erinnert. Er sagte:

„Das Böse in der Welt lebt nicht durch die, die Böses tun, sondern durch die, die Böses zulassen.“

Zuckmayers Wort nimmt uns alle in die Pflicht:

- als Mitglieder der Landesregierung,

- als Mitglieder des Landtages,

- als Menschen, die in diesem Land leben.

Böses nicht zulassen heißt: die menschlichen Werte hochhalten. Unsere Aufgabe beschränkt sich mitnichten auf das Nicht-Vergessen. Aus der Erinnerung erwächst die moralische Pflicht, für die Würde eines jeden einzelnen Menschen einzustehen, sie zu schützen und zu bewahren.

Ein Gedenktag wie der heutige regt dazu an, uns selbst zu befragen:

- Tun wir genug, damit die Mitmenschlichkeit siegt?

- Tun wir genug, um Menschen zu schützen? 

- Tun wir genug gegen Rassismus, Intoleranz und die Versuche, die Geschichte zu relativieren??

Dies sind Fragen, die jeder und jede von uns Tag für Tag, nicht nur heute, persönlich beantworten muss.

Das sind Fragen, die aber auch das politische Handeln in Rheinland-Pfalz leiten müssen.

Meine Damen und Herren,

für die Landesregierung ist und bleibt der Kampf gegen jede Form von Extremismus eine wesentliche Konstante des Regierungshandels.

Für uns steht fest: Der Rechtsextremismus ist eine Bedrohung unserer Kultur und unserer mitmenschlichen Werte. Für diese Werte einzutreten, ist eine Daueraufgabe, der wir uns stellen.

Der Kampf gegen rechte und rechtspopulistische Positionen ist dabei nicht in erster Linie ein juristischer, sondern eine Aufgabe der Politik und der Demokratie. Diese Aufgabe können wir nicht an Gerichte delegieren. Wir Politikerinnen und Politiker, aber insbesondere wir Bürgerinnen und Bürger werden diesen Kampf im Alltäglichen führen, ja führen müssen. Mit der Kraft unserer Argumente – und da haben wir, ganz sicher, die besseren. 

Meine Damen und Herren,

Carl Zuckmayer hat auch gesagt: „Die Welt wird nie gut, aber sie könnte besser werden.“

Da schwingt er mit, der ganze Pessimismus, der ja angesichts der Erfahrung des Holocaust evident ist: Die Welt wird nie gut.

Gleichermaßen spricht da aber auch der Optimismus. Denn das macht uns Menschen aus: Wir können etwas tun. Die Welt wird nie gut, aber wir können sie besser werden lassen.

Wir verneigen uns vor den Opfern des Nationalsozialismus. Im Gedenken an diese Menschen lassen Sie uns miteinander für eine bessere Welt einstehen.